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Inputs zu Psychopharmaka



Nach europaweiten Studien leidet etwa jede dritte bis vierte Person irgendwann in ihrem Leben an mindestens einer psychischen Störung. Die Leitlinienbehandlung sieht nicht bei allen, doch bei vielen Störungsbildern die Psychotherapie als Mittel erster Wahl. Zusätzlich - in akuten Krisen, bei schweren psychischen Störungen, bei denen Psychotherapie allein nicht oder nicht ausreichend hilft, zur Sicherstellung von notwendiger Leistungsfähigkeit, und für gewöhnlich bei Vorliegen einer ADHS – werden Psychopharmaka verschrieben.

 

Das Wort Psychopharmakon entstammt dem Griechischen und beinhaltet das Wort für Seele (Psyche) sowie das Wort für Heilmittel (Pharmakon). Entsprechend handelt es sich um ein Medikament zur Therapie von psychischen Symptomen und Störungen. Das Anwendungsgebiet ist vielseitig, von Depressionen über Angststörungen, Schmerzstörungen, Schizophrenie, und weiteren Störungen, und entsprechend gibt es verschiedene Substanzklassen, die unterschiedlich ansetzen und wirken. Die wohl am besten bekannte Substanzklasse ist die der Antidepressiva, mittels welcher Depressionen, aber auch Angst-, Zwangs-, Persönlichkeits-, Schlafstörungen und weitere behandelt werden. Dieses Medikament wirkt meist stimmungsaufhellend und je nach Präparat gelingen weitere und/oder andere Symptomverbesserungen. Weiter gibt es Antipsychotika, die bei schizophrenen und psychotischen Störungen eingesetzt werden, sowie Stimulanzien, die sich nicht selten als unverzichtbar bei der Behandlung von ADHS erweisen.

 

Gemäss dem Schweizerischen Gesundheitsobservatorium von 2022 sind Psychopharmaka die hierzulande am häufigsten verschriebene Medikamentengruppe. Weiter gehört knapp ein Viertel aller Medikamentenpackungen, die bei uns über den Ladentresen geschoben und von der obligatorischen Krankenpflegeversicherung (OKP) rückvergütet werden, dieser Gruppe an. Nach Medikamenten gegen Krebs und für das Immunsystem geht der zweitgrösste Kostenanteil auf ihr Konto. Dabei kommt das Gros der durch diese Medikamente verursachten Kosten von obgenannten Antidepressiva. Auf ungefähr 200 Millionen Schweizer Franken jährlich schätzt die Ärztin und Privatdozentin Eva Blozik die Kosten von Antidepressiva.

 

Wer so hohe Kosten verursacht, sollte etwas leisten. Während eine Reihe von Psychopharmaka eine akzeptable Wirksamkeit aufweist, bspw. Antipsychotika bei Schizophrenie, fällt diese gerade für Antidepressiva eher deprimierend aus. Denn entsprechende Wirksamkeitsstudien zu Antidepressiva lassen erkennen, dass diesen gegenüber Placebos eine nur unwesentlich bessere antidepressive Wirkung inneliegt. Und doch stehen viele Fachleute hinter dem Einsatz dieser Medikamente, so bspw. der Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich Erich Seifritz, der 2019 im Interview mit dem SRF Antidepressiva als «unverzichtbaren Baustein in der Behandlung» ansieht. 

 

Und ehrlich gesagt, aus meiner psychotherapeutischen Praxis sind Psychopharmaka ebenfalls schwer wegzudenken. Sie unterstützen das psychotherapeutische Geschehen und sind in manchen Fällen wegbereitend für den therapeutischen Prozess. So kürzlich bei einer Patientin, die wegen schwerer Ängste und fortlaufenden Krisen bei mir in Psychotherapie war. Erst seit der Einnahme von Antidepressiva war es möglich, psychotherapeutisch mit ihr zu arbeiten und nicht nur Krisenintervention zu betreiben. Oder zu einem Patienten mit einer schweren depressiven Störung drang ich vor der Einnahme von Antidepressiva nicht durch, erst antidepressiv mediziert war es möglich, überhaupt mit ihm ein wechselseitiges Gespräch zu führen. So sind es dann halt doch diese Medikamente, in Ermangelung von Alternativen, die nicht selten einen Unterschied machen und einen wichtigen Schritt in Richtung Genesung darstellen können (aber nicht müssen).


Auch erschienen:


Davoser Zeitung vom 8. Mai 2024, S. 31 (unter anderem Titel)


Autorin:


Dr. phil. Sandy Krammer, LL.M.

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