Wenn keine Nähe keine Bindung bedeutet
- 13. Juli
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Frau S. berichtete in einer Therapiesitzung von einem Problem, das sie seit vielen Jahren in ihren Partnerschaften begleitete. Sie beschrieb ihre Beziehung als liebevoll und stabil. Ihr Partner sei zuverlässig, aufmerksam und kümmere sich um sie. Dennoch gerate sie regelmässig in starke innere Unruhe, sobald sie sich mehrere Tage nicht sehen würden.
Während eines gemeinsamen Gesprächs schilderte sie, dass sie alleine einige Tage in den Ferien gewesen sei. Ihr Partner habe sich täglich mehrfach bei ihr gemeldet, ihre daheim gebliebenen Tiere versorgt, ihren Garten gegossen und ihr geschrieben, dass sie ihm fehle. Objektiv habe nichts darauf hingedeutet, dass die Beziehung gefährdet sei. Trotzdem habe sie immer wieder den Gedanken gehabt: «Vielleicht ist alles vorbei, wenn ich zurückkomme.»
Interessanterweise war ihr bewusst, dass diese Befürchtung wenig mit der Realität zu tun hatte. Sie sagte selbst: «Eigentlich deutet nichts darauf hin.» Gleichzeitig beschrieb sie einen starken inneren Schmerz, der schwer auszuhalten gewesen sei, sowie das Gefühl, die Verbindung zu ihrem Partner zu verlieren, sobald die körperliche Nähe fehlte.
Im Verlauf der Sitzung formulierte sie schliesslich einen Satz, der den Kern ihres Erlebens gut zusammenfasste: «Wenn keine physische Nähe da ist, verliere ich den Glauben an die Bindung.»
Gemeinsam wurde deutlich, dass es sich dabei weniger um die Angst vor einer Trennung handelte. Sie war überzeugt, auch eine Trennung bewältigen zu können. Vielmehr schien ihr Nervensystem Bindung nur dann als sicher zu erleben, wenn sie unmittelbar spürbar war. Fehlte die Nähe, entstand das Gefühl, die Beziehung könnte nicht mehr bestehen – obwohl ihr Verstand wusste, dass dies unwahrscheinlich war.
Im weiteren Verlauf berichtete Frau S. von ihrer Kindheit. Ihre Mutter sei emotional kaum erreichbar und sehr unberechenbar gewesen. Teilweise habe sie monatelang nicht mit ihr gesprochen. Verlässliche Zuwendung habe sie nur selten erlebt. Rückblickend formulierte sie selbst: «Bindung war nie selbstverständlich.»
Aus bindungstheoretischer Sicht liess sich ihr Erleben gut nachvollziehen. Kinder entwickeln im Laufe ihrer frühen Beziehungserfahrungen eine sogenannte innere Repräsentation von Bindung. Sie lernen, dass eine wichtige Bezugsperson innerlich "weiterbesteht", auch wenn sie gerade nicht anwesend ist. Fehlen solche verlässlichen Erfahrungen oder wechseln vielleicht Nähe und emotionale Unerreichbarkeit unvorhersehbar, kann sich dieses innere Sicherheitsgefühl in manchen Fällen unzureichend entwickeln.
In der Therapie entstand deshalb die Hypothese, dass Frau S. nicht in erster Linie unter einer ausgeprägten Verlustangst litt. Vielmehr schien ihr Bindungssystem Schwierigkeiten zu haben, Bindung über räumliche Distanz hinweg innerlich aufrechtzuerhalten. Die körperliche Nähe ihres Partners wirkte wie eine Art «Ladestation» für ihren Akku, der sich schnell entlud und die Energie nicht lange zu speichern vermochte. Oder in anderen Worten: Solange sie zusammen waren, fühlte sich die Beziehung sicher an. Mit zunehmender Distanz schien dieses innere Sicherheitsgefühl jedoch rasch nachzulassen.
Eine wichtige Erkenntnis bestand darin, zwischen zwei unterschiedlichen Stimmen zu unterscheiden: der aktuellen Realität und den Erfahrungen des früheren Bindungssystems. Immer wieder stellte sie sich deshalb die Frage: «Spricht gerade mein Partner – oder spricht mein altes Bindungssystem?»
Diese Unterscheidung half ihr, ihre Gefühle einerseits ernst zu nehmen, ohne sie anderseits automatisch als Beschreibung der gegenwärtigen Beziehung zu verstehen. Gleichzeitig wurde deutlich, dass ihr Partner ihr bereits zahlreiche neue Erfahrungen ermöglichte: Er blieb verlässlich, hielt Kontakt und zeigte auch während der räumlichen Trennung, dass die Beziehung für ihn Bestand hatte. Solche wiederholten Erfahrungen können langfristig dazu beitragen, dass sich eine sicherere innere Repräsentation von Bindung entwickelt.
Autorin: Dr. phil. S. Krammer, LL.M.



