Wer hat Recht? Die falsche Frage in einer Beziehung
- 18. Juli
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Ein Paar sitzt beim Abendessen, und sie erzählt ihm von einem Waldspaziergang. Und zwar habe sie sich einmal weit draussen in der Natur urplötzlich sehr unwohl gefühlt, irgendetwas habe gar nicht mehr gepasst. Es war nichts Körperliches und auch sonst nichts Greifbares. Ein unglaublich beklemmendes Gefühl, das sich aus dem Nichts über sie gelegt habe. Für sie war die naheliegendste Erklärung: Vielleicht war ein Wildtier in der Nähe – sie wanderte in Gebieten, wo es potenziell Wölfe und Bären gab. Vielleicht hatte sie unbewusst Geräusche oder Gerüche wahrgenommen und ihr Gehirn hatte sie daraufhin vorsichtig werden lassen.
Ihr Partner, der spirituell veranlagt war, sah dieselbe Situation völlig anders. Er war überzeugt, dass sich in abgelegenen Wäldern Wesenheiten aufhalten würden. Manche seien freundlich, andere nicht. Er war der Meinung, dass es das gewesen sein müsse, was sie wahrgenommen habe.
Beide schauten sich an und merkten schnell: Keiner würde den anderen überzeugen. Für viele Paare wäre genau hier ein Streit entstanden. Wer hat Recht? Doch in der Regel ist das nicht die entscheidende Frage.
In Beziehungen treffen nicht nur zwei Personen aufeinander. Es treffen auch zwei Lebensgeschichten, zwei Familien, zwei Erfahrungen und oft auch zwei Weltbilder aufeinander. Manche Unterschiede lassen sich leicht überbrücken. Andere bleiben bestehen.
Die Kunst einer guten Beziehung besteht nicht darin, immer derselben Meinung zu sein. Sie besteht darin, unterscheiden zu können, welche Unterschiede eine Beziehung bereichern – und welche einer gemeinsamen Zukunft im Weg stehen.
Manche Unterschiede betreffen grundlegende Lebensentscheidungen. Wenn zum Beispiel eine Person unbedingt Kinder möchte und die andere definitiv nicht, kann ein Kompromiss kaum gelingen. Solche Unterschiede betreffen die gemeinsame Lebensgestaltung und lassen sich oft nicht allein durch Toleranz lösen. Andere Unterschiede hingegen müssen eine Beziehung nicht bedrohen. Ob jemand spirituell oder naturwissenschaftlich denkt, ob er an Schicksal glaubt oder an Zufall, ob er gerne meditiert oder lieber Fussball spielt – all das kann nebeneinander bestehen. Entscheidend ist nicht, ob zwei Personen in allen Bereichen gleich sind, sondern ob ihre Unterschiede das gemeinsame Leben beeinträchtigen.
Auch die paarpsychologische Forschung weist in diese Richtung. Langfristig stabile Partnerschaften beruhen häufig auf einer gemeinsamen Basis – beispielsweise ähnlichen Werten, Lebenszielen oder Vorstellungen vom Zusammenleben. Gleichzeitig können Unterschiede eine Beziehung bereichern, solange diese gemeinsame Basis bestehen bleibt.
Entscheidend ist vielmehr die Haltung dahinter. Muss ich den anderen überzeugen? Oder darf der andere die Welt anders sehen als ich?
Respekt bedeutet hier nicht, dieselbe Meinung zu vertreten, sondern dem anderen das Recht auf eine eigene Sichtweise zuzugestehen.
Wahrscheinlich wird man sich nie darüber einig, was sie in diesem Wald gespürt hat. Und vielleicht muss man das auch gar nicht. An diesem Abend traf das Paar eine Entscheidung. Nicht darüber, wer Recht hatte, sondern wie sie künftig mit ihren Unterschieden umgehen wollten. Sie beschlossen, sie nicht als Gegensätze zu sehen, sondern als Ergänzung.
Aus paartherapeutischer Sicht ist das ein bedeutsamer Gedanke. Der Sexual- und Paartherapeut David Schnarch beschrieb eine reife Beziehung nicht dadurch, dass zwei Personen möglichst ähnlich werden. Vielmehr entwickelte er das Konzept der Differenzierung. Gemeint ist die Fähigkeit, sich auf einen anderen Menschen einzulassen, ohne die eigene Identität aufzugeben oder den Partner verändern zu müssen. Unterschiede werden dabei nicht als Bedrohung erlebt, sondern als Ausdruck zweier eigenständiger Persönlichkeiten.
Auch der Paarforscher John Gottman kommt in seiner jahrzehntelangen Forschung zu einem ähnlichen Schluss. Viele Partnerschaftskonflikte sind dauerhaft und werden nie vollständig gelöst. Entscheidend ist deshalb nicht, ob Unterschiede bestehen, sondern wie Paare mit ihnen umgehen. Neugier, gegenseitiger Respekt und die Bereitschaft, den anderen verstehen zu wollen, tragen deutlich mehr zu einer stabilen Beziehung bei als der Versuch, den Partner von der eigenen Sichtweise zu überzeugen.
Am Ende ist eine Beziehung kein Wettbewerb um die richtige Weltsicht. Sie ist ein Ort, an dem zwei Personen lernen dürfen, trotz ihrer Unterschiede gemeinsam durchs Leben zu gehen.
Autorin: Dr. phil. S. Krammer, LL.M.



