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Gibt es psychosomatische Störungen bei Kindern?

Um es vorweg zu nehmen: Ja, es gibt psychosomatische Störungen bei Kindern und sie sind gar nicht so selten. Was es damit auf sich hat, lesen Sie hier.



Was sind psychosomatische Störungen?


Die Psyche und der Körper (griechisch: soma) hängen sehr eng miteinander zusammen. Sie sind in einer regen Beziehung und Interaktionen zwischen ihnen sind absolut normal.


Ich veranschauliche diesen Zusammenhang anhand einer kleinen Übung. Denken Sie jetzt ausschliesslich an eine saftige Zitrone. Stellen Sie sich vor, wie Sie den sauren Zitronenduft riechen. Wie Sie die Zitrone in zwei Hälften schneiden. Wie Sie herzhaft in eines der Stücke hinein beissen. Wie saure Zitronentropfen herabrinnen. Wie Sie die bittere Säure schmecken. Wie sich Ihre Gesichtszüge verziehen ab der Bitterkeit. Schmecken Sie die Zitrone in Ihrer Vorstellung?


Was passiert während dieser Vorstellungsübung? In aller Regel steigert sich der Speichelfluss. Passiert Ihnen das auch? Ist es nicht spannend, dass Ihr Körper mit erhöhtem Speichelfluss reagiert, obwohl Sie sich die Zitrone lediglich (psychisch) vorstellen? Ein wunderbares Beispiel für das Zusammenspiel von Psyche und Körper.


Wenn die Beziehung zwischen Psyche und Körper gestört wird, können psychosomatische Symptome entstehen. Dabei kann fast alles in und am Körper betroffen sein. Prof. Martin Rauh-Köpsel drückt es in seinem Buch wie folgt aus: "Schweigt der eine, sagt es der andere!" Psychosomatische Symptome sind echte körperliche Probleme, sie sind nicht simuliert. Ihr Ursprung ist aber wesentlich durch die Psyche bedingt. Hält diese Symptomatik an, stellt sich Leiden ein und die Lebensführung der betroffenen Person kann beeinträchtigt sein. In so einem Fall kann von einer psychosomatischen Störung gesprochen werden. Eine Voraussetzung für diesen Schluss ist immer, dass eine ganzheitliche und umfassende, medizinische Abklärung erfolgt ist.


In diesem Beitrag über Psychosomatik sind weitere Informationen über psychosomatische Störungen nachzulesen.


Gibt es psychosomatische Störungen bei Kindern?


Wie bereits eingangs festgehalten: Ja, es gibt psychosomatische Störungen bei Kindern. Sie sind sogar relativ häufig. Wie der Kinder- und Jugendpsychotherapeut Hans Hopf schreibt, hat eine körperliche Erkrankung bei Kindern nicht immer nur mit Viren, Bakterien und sonstigen Krankheitserregern zu tun. Oftmals ist sie stattdessen Ausdruck von Problemen, mit denen Kinder (noch) nicht anders umzugehen wissen. Kinder können noch nicht so über ihre inneren Zustände berichten wie Erwachsene - wobei es auch viele Erwachsene gibt, die dies nicht können. Insofern können psychosomatische Symptome bei Kindern als eine Art Ventil für Probleme gesehen werden.


Welche körperlichen Probleme entwickeln sich?


Wie Kinder (und auch Erwachsene) ihre Probleme über den Körper zum Ausdruck bringen, hat vielfach mit Prägungen und Schwachstellen zu tun. Ich gebe Ihnen zwei Beispiele:


Der 3jährige Jonas hustete seit mehreren Monaten jeden Tag. Einer Reihe von Ärzten war er schon vorgestellt worden, doch keiner fand einen medizinisch-körperlichen Grund - sicher aber einen entzündeten Rachen von all der Husterei. Verschriebene Medikamente zeigten kaum Wirkung. Allerdings hatte Jonas anderthalb Jahre zuvor eine Bronchitis gehabt. Konnte es sein, dass das heutige Husten mit der damaligen Bronchitis zusammenhängt?


In mir war rasch die Hypothese aufgekeimt, dass Jonas nicht der eigentliche Patient sei, sondern dass es um jemand anderen oder um etwas um ihn herum gehen könnte. In diesem Fall arbeitete ich ausschliesslich mit Jonas' Eltern. Dadurch brachte ich in Erfahrung, dass die Eltern zerstritten waren. Immer wieder kam es zu erbitterten Streitereien, bei denen die Eltern laut wurden, manchmal einander gegenüber auch handgreiflich, stellenweise flogen Gegenstände. Jonas war stets nie weiter entfernt als in seinem Kinderzimmer und kriegte alles mit.


Darüber hinaus war die Mutter seit Jahren depressiv. Im Anschluss an die Geburt hatte sich eine postpartale Depression eingestellt, die nie abgeklungen war. Wenn ein Elternteil an einer Depression leidet, dann hat das in aller Regel Auswirkungen auf das Kind. Grundsätzlich handelt es sich dabei um einen Risikofaktor was die kindliche Entwicklung anbelangt. Denn Eltern, die psychisch belastet sind, fällt es schwerer auf die Bedürfnisse des Kindes einzugehen und eine sichere, stabile Beziehung herzustellen und aufrechtzuerhalten.


Negative Auswirkungen sind jedoch nicht zwingend vorprogrammiert. Krankheiten gehören zum Leben dazu und wenn die Eltern gut vorleben, wie Überwindung und Genesung gelingen, fungieren sie als eine Art Rollenmodell für den Umgang mit Problemen. Möglicherweise hilft dies dem jetzigen Kind und späteren Erwachsenen, eigenen Widrigkeiten die Stirn zu bieten. Häufig leider wird das Kind nicht auf eine förderliche Weise durch die depressive Erkrankung eines Elternteils hindurch begleitet.


Etwa das war bei Jonas passiert. Die Mutter zeigte wenig Vermögen, sich um Jonas und seine Bedürfnisse mit Echtheit und Wärme zu kümmern und der Vater war viel ausser Haus und weder physisch noch emotional präsent. Im Anschluss an einen sehr heftigen Streit der Eltern begann er zu husten. In seinem Körper war die Schwachstelle "Husten" seit seiner Bronchitis gespeichert, zumal sich beide Eltern damals rührend um ihn gekümmert hatten und ihm viel Aufmerksamkeit zukommen liessen. Auch seit Jonas nun hustet, streiten die Eltern weniger und konzentrieren sich gemeinsam auf seine Gesundung, was den Husten wiederum aufrechterhält.


Anders war es bei der 8jährigen Maylin. Sie litt unter massiven Bauchschmerzen, seit die Mutter vor drei Jahren bei einem Unfall ums Leben gekommen war. Der Vater litt an einer komplexen Trauerstörung und war nicht in der Lage, sich um die emotionalen Bedürfnisse seines einzigen Kinds zu kümmern. Er stürzte sich in seine Arbeit, war kaum noch daheim. Maylin verbrachte den Tag in den Schulstunden, beim Betreuungsdienst der Schule und bei den vielen Hobbies. Auch wurde das Thema Mutter weitgehend tabuisiert, man durfte nicht über sie sprechen. Sie wurde quasi "totgeschwiegen". Wohin dann aber mit all dem Schmerz, den Maylin empfand? Auch bei ihr fand sich eine Schwachstelle oder Prägung: Als vierjährige hatte Maylin eine Blinddarm-Operation. Jetzt, in Zeiten der Not, verlagerte Maylin all den Schmerz, für den sie kein Ventil hatte, mit dem sie nicht wusste, wie umgehen, dahin, wo es schon einmal wehgetan hat. Auf den Bauch.


Was braucht das psychosomatisch belastete Kind?


Hat eine Fachperson erkannt, dass ein psychosomatisches Problem vorliegt, führt die alleinige Behandlung der medizinisch-körperlichen Probleme meist nicht sehr weit. Denn wenn ein psychischer Konflikt auf den Körper verlagert wurde, dann ist primär der psychische Konflikt zu behandeln.


Im Falle von Jonas gleiste ich eine psychotherapeutische Begleitung für die Eltern auf. Zum einen erlernen sie dabei einen neuen Umgang mit Konflikten, zum anderen geht es um die Behandlung der Depression der Mutter. Im Falle von Maylin organisierte ich eine psychotherapeutische Begleitung für sie wie auch für den Vater. Beide sollten neue Wege im Umgang mit ihrer Trauer und dem Leben so, wie es nun ist, finden. In diesen Fällen ging es im Wesentlichen um die Eltern, die psychisch belastet waren, sich der eigenen Belastung nicht annahmen, was die Kinder psychosomatisch zum Ausdruck gebracht haben. Es müssen aber nicht immer die Eltern sein. Auch die Schule bzw. die Mitschüler und weiteres bieten genügend Zündstoff.


Wichtig ist immer ein umfassender Blick auf die Gesamtsituation des Kindes, einer, der sich durch die psychosomatischen Symptome des Kindes informieren lässt, dabei aber nicht verhaftet.


Lesetipps


Hopf, H. (2016). Wenn Kinder krank werden: Eine kleine Psychosomatik von Husten, Schnupfen, Heiserkeit. Mabuse.


Krammer, S. (2022/im Druck). Psychosomatische Störungen verstehen. Ein psychologischer Selbsthilfe-Ratgeber für Betroffene. Kohlhammer: Stuttgart.


Rauh-Köpsel, M. (2021). Sie müssen da nicht allein durch! Edel Books: Hamburg.


Autorin


Dr. phil. Sandy Krammer, LL.M.

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