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Schon einmal von dissoziativen Störungen gehört?

Dieser Blog erklärt, was unter dissoziativen Störungen zu verstehen ist, welche Arten es gibt, es geht um Funktion und Ursachen sowie worauf bei der Behandlung geachtet wird. Darüber hinaus wurde ein Interview mit einer betroffenen Person durchgeführt.



Beispiel: Herr Anders


Herr Anders ist 42 Jahre alt und zittert und schwankt von links nach rechts. Sein Körper ist ständig in Bewegung. Er leidet an enormer Bewegungsunruhe. Gegenüber von Herrn Anders sitzend, wird mir schwindelig. Wir verbringen unsere Therapiestunden auf einer Yoga Matte am Boden, da ich mich sorge, er falle ansonsten vom Stuhl. Gehen ist nicht mehr möglich, er bewegt sich nur noch mittels eines Rollators von A nach B. Er ist stark abgemagert, kein Wunder: bei so viel Bewegung verbrennt sein Körper eine enorme Anzahl an Kalorien. Für die Symptomatik von Herrn Anders gibt es keine medizinische Erklärung.


Was sind dissoziative Störungen?


Hinter dem Begriff der dissoziativen Störung versteckt sich ein höchst komplexes und bizarr anmutendes psychisches Geschehen. Dabei ist der Begriff ein Sammelbegriff und umfasst mehrere Störungen. Um den Begriff zu erklären, wenden wir uns zunächst der Assoziation zu. Definitionsgemäss werden Dinge bei der Assoziation miteinander verknüpft - sie werden assoziiert. Dissoziation bedeutet das Gegenteil: Dinge werden "entknüpft" und voneinander losgelöst. Wer unter einem dissoziativen Symptom leidet oder wer eine solche Störung hat, der hat eine oder mehrere psychische Funktionen verloren. Das kann das Gedächtnis, die Motorik, die Sinne und mehr betreffen. Nicht betroffene Personen erkennen ihr "Ich" als Einheit von Gefühlen, Gedanken, Verhalten und Körper. Diese an und für sich stabile Einheit zerbricht bei einer dissoziativen Störung. Bestimmte psychische Funktionen desintegrieren.


Verschiedene Arten


Grundsätzlich gibt es so viele Arten an dissoziativen Störungen, wie der menschliche Körper Funktionen und Fähigkeiten aufweist. Jede Funktion und jede Fähigkeit kann abgespalten werden. Zu den dissoziativen Störungen gehören die folgenden Spielarten:

  • Dissoziative Amnesie: Darunter wird der teilweise oder komplette Verlust des Gedächtnisses verstanden. Meistens findet das im Zusammenhang mit traumatischen Ereignissen statt. Zum Beispiel eine junge Frau, die keinerlei Erinnerung an die an ihr begangene Vergewaltigung hat. Sie weiss, was vorher sowie was nachher passierte - doch nicht, was ihr währenddessen angetan worden war. Oder eine etwas ältere Frau, die keinerlei Erinnerung an den Moment hatte, wo sie unter Wasser geraten ist und beinahe ertrunken wäre. Die Nichtschwimmerin weiss, wie sie zuvor auf dem Steg spazieren war und sie erinnert sich daran, wie sich die Rettungskräfte über sie beugten - doch sie hat keine Ahnung von den wenigen Minuten, die dazwischen lagen und sie im Wasser untergetaucht war.

  • Dissoziative Fugue: Betroffene verlassen plötzlich von einem Moment auf den anderen ihr Daheim, den Arbeitsplatz oder sonst einen Ort und bewegen sich weg. Sie können sich nicht an ihr Leben bis dahin erinnern. Eventuell kehren sie zu einem späteren Zeitpunkt auf einmal zurück und erinnern sich an das Leben früher, aber nicht an die Zeitphase, in der sie weg waren. Oder sie bleiben fort. Am neuen Ort wird gerätselt, wer die betroffene Personen ist, am alten Ort wird gerätselt, wo die betroffene Person ist. Man geht davon aus, dass ein schwerwiegendes Ereignis oder eine lange sich aufbauende Überlastung auslösend sein können.

  • Dissoziativer Stupor: Betroffene bewegen sich nicht mehr oder nur noch wenig, stellen das Reden ein, reagieren weder auf Licht, noch auf Berührungen oder sonstige Stimuli. Eine Kontaktaufnahme ist nicht möglich. Ein Stück weit vergleichbar mit einem Computer, der auf standby ist. Er ist noch da, doch auf ein Minimum reduziert.

  • Dissoziative Sensibilitäts- und Empfindungsstörung: Betroffene sind nicht mehr in der Lage, an bestimmten Körperstellen zu fühlen und etwas zu spüren. Oder sie verlieren eine andere Sinnesempfindung (sehen, hören, riechen, schmecken). Zum Beispiel ein junger Mann, der im Rahmen seines universitären Abschlussexamens plötzlich nicht mehr sehen konnte. Er verlor sein Sehvermögen, ohne dass eine medizinische Ursache aufzeigbar gewesen war. Oder eine Mutter, die im Rahmen eines Feuers ihr Haus verloren hat. Durch Riechen des Rauchs, hatte sie den Brand bemerkt. Im Brand waren Familienangehörige gestorben. Seither riecht sie nichts mehr.

  • Dissoziative Krampfanfälle: Diese Anfälle muten an wie epileptische Anfälle und werden regelmässig mit solchen verwechselt. Sie unterscheiden sich jedoch in mehrfacher Hinsicht.

  • Dissoziative Bewegungsstörungen: Hierbei kommt es zu einem Verlust der willkürlichen Motorik. Betroffenen gelingt es nicht mehr, einen Teil ihres Körpers so zu bewegen und willentlich so zu bewegen, zu steuern und zu koordinieren, wie beabsichtigt. Betroffene können bspw. nicht mehr gehen, stehen oder sind gelähmt. Es ist auch möglich, dass eine körperliche Unruhe eintritt. Womit wir wieder bei Herrn Anders angelangt sind.


Interview mit Herrn Anders


Herrn Anders, der einleitend bereits erwähnt wurde, ist verheiratet, Vater von drei Söhnen und im kaufmännischen Bereich eines kleinen Unternehmens tätig. Ich lernte Herrn Anders im Rahmen seines Klinikaufenthalts auf einer psychosomatischen Abteilung kennen, an der ich tätig war. Er wurde mir als Patient zugewiesen. Herr Anders war bereit, etwas über ein Jahr nach Austritt aus der Klinik ein Interview zu geben.


Ich: "Wie geht es Ihnen heute?"


Herr Anders: "Mittlerweile ist seit meinem stationären Klinikaufenthalt über ein Jahr vergangen. Ich darf sagen, dass es mir gut geht."


Ich: "Das freut mich sehr. Was hat Ihnen geholfen?"


Herr Anders: "Zweierlei war für mich sehr wichtig. Das eine war, dass die Diagnose gestellt worden war. Zu wissen, dass es nichts Körperliches an sich ist, sondern durch meine Psyche ausgelöst, bedeutete, dass ich es wieder durch meine Psyche lösen kann. Das andere war, dass ich unbedingt genesen wollte. Es war mir zutiefst wichtig, niemandem eine Belastung sein. Nicht mehr von anderen herumgefahren werden zu müssen. Wieder selbstbestimmt und autonom durchs Leben gehen zu können. Mein Wille zu gesunden war mit das Wichtigste. Schliesslich war auch die Auszeit in der Reha ein wichtiger Schritt. So verschaffte ich mir Abstand und konnte den Fokus auf mich richten."


Ich: "Wie erklären Sie sich die Entstehung Ihrer dissoziativen Bewegungsstörung?"


Herr Anders: "Es ist meine Variante des Burnouts. Ich habe über viele Jahre lang hochprozentig eine Arbeit ausgeübt, die mir je länger desto weniger entsprochen hat. Nicht inhaltlich, diesbezüglich gefällt sie mir weiterhin. Ich arbeite mittlerweile sogar wieder Teilzeit an meiner alten Arbeitsstelle, ich bin nicht mehr arbeitsunfähig. Doch die Rahmenbedingungen stimmten für mich persönlich nicht mehr. Lange Zeit habe ich mich regelrecht gezwungen, trotz allem weiterhin an meiner Arbeitsstelle zu erscheinen. Ich sass im Auto vor dem Eingang und brachte mich selbst nicht dazu, reinzugehen. Ich hatte Schweissausbrüche, war klatschnass. Mein Herz raste. Und dann ging ich doch rein. Schliesslich habe ich Familie und trage Verantwortung. Ich musste. Oder ich glaubte, dass ich müsste."


Ich: "Warum hat sich bei Ihnen eine Bewegungsunruhe und nicht irgendein anderes Symptom entwickelt?"


Herr Anders: "Meine Bewegungsunruhe kommt aus dem unteren Rückenbereich heraus. Ich hatte mehrmals in meinem Leben Probleme in diesem Bereich. Schon von früh auf, schon in der Kindheit. Ich glaube, dass ich da eine Schwachstelle habe und sich mein Körper diese gemerkt hat. Im Sinne von: wenn krank, dann da. Und so zeigte sich mein Burnout da."


Ich: "Inwiefern wirkte sich Ihre Erkrankung auf Ihr Umfeld aus?"


Herr Anders: "Meine Mutter traf es sehr schwer, dass es mir nicht gut ging. Sie entwickelte eine Depression. Diese hat sie weiterhin nicht überwunden. Manchmal spiele ich ihr vor, dass es mir gutgeht, um sie nicht weiter zu belasten. Meine Frau hat meine Erkrankung ebenfalls stark belastet. Sie kümmerte sich über all die Zeit nebst einer Vollzeitstelle fast ausschliesslich um unsere drei Kinder und um den Haushalt. Es ist ein Wunder, dass sie unter dieser Mehrfachbelastung nicht selbst zusammengebrochen ist."


Ich: "Was möchten Sie anderen Betroffenen mit auf den Weg geben?"


Herr Anders: "Auf sich selbst zu hören."


Keine körperliche Erkrankung


Bei dissoziativen Störungen handelt es sich nicht um körperliche Erkrankungen. Es lassen sich keine oder keine hinreichenden organischen Gründe finden. Es kommt häufig zu Doktorhopping, bei welchem ein Arzt nach dem anderen aufgesucht wird, mit der steten Hoffnung, dass doch noch jemand der körperlichen Verursachung fündig wird.


Selbstverständlich ist eine solide medizinische Abklärung unerlässlich. Finden sich dabei jedoch keine Hinweise auf eine körperliche Ursache, gilt es mutig zu sein und den Pfad der körperlichen Erklärung zu verlassen.


Funktion und Ursache


Von nichts kommt nichts und nichts geschieht ohne Grund. Aus welchem Grund entstehen dissoziative Störungen? Welche Funktion haben sie?


Häufig handelt es sich bei dissoziativen Symptomen um eine Schutzfunktion als Reaktion auf eine übermässig belastende Situation oder ein traumatisches Ereignis. Das Individuum schützt sich durch die dissoziative Störung - wie im oben erwähnten Fall der jungen Frau, die keine Erinnerung an ihre eigene Vergewaltigung hatte. Diesen Schrecken bewusst zu durchleben, wäre möglicherweise noch verstörender gewesen. So hatte die Psyche der jungen Frau dafür gesorgt, dass sie diesen Schrecken nicht bewusst mitbekommt. Ihr Körper jedoch hatte es erlebt und sie hatte fortan unter verschiedenen gynäkologischen Problemen gelitten. Ein anderes Beispiel stellen Unfallopfer dar. Ein junger Mann überlebte einen schweren Motorradunfall nur knapp, eine Erinnerung an die Situation selbst hat er nicht. Er weiss nur noch, wie er ein Auto überholen wollte, dann Filmriss. Die nächste Erinnerung, die er hat, ist im Spital. Ist eine Erinnerung zu belastend für die Psyche, entlastet sie sich durch Abspaltung.


Im Falle von Herrn Anders liegt die Sache anders. Es lag kein traumatisches Geschehen im Vorfeld vor. Wohl aber hatte er viele Jahre lang an den eigenen Bedürfnissen vorbeigelebt. Der Körper war erschöpft, müde, schon lange. Deutliche Symptome der Überlastung waren bereits aufgetreten. Doch kam er nicht in Bewegung und veränderte die Dinge in seinem Leben nicht auf eine Weise, sodass es ihm wohler gewesen wäre. Stattdessen kam sein Körper in Bewegung und forderte die Veränderungen auf diese Weise. In unseren Gesprächen glaubte ich ein Stück weit zu erkennen, dass er früh gelernt hat, nicht auf seine Gefühle zu achten. Möglich, dass seine Gefühle wenig validiert worden waren. Auch möchte er nicht belasten und tendiert dazu, zu überspielen.


Nicht jeder dissoziiert


Bedeutet das, dass schwierige Lebenssituationen, negative Ereignisse und Traumatisierungen per se zu Dissoziationen führen? Die Antwort lautet: Nicht unbedingt, jein. Schwere Belastungen und traumatische Ereignisse können Dissoziationen auslösen, sie tun es mit einer gewissen Häufigkeit, müssen aber nicht. Jede Person reagiert anders auf Aversives und an was die Psyche erkrankt, ist im Vorfeld nicht treffsicher zu sagen.


Behandlung


Die Behandlung der dissoziativen Störungen beinhaltet in aller Regel Psychotherapie. Am Beginn einer solchen steht die Diagnosestellung. Herr Anders' Geschichte illustriert, wie wichtig dies ist. Auf Basis der diagnostischen Abklärung, wozu immer eine umfassende körperliche Untersuchung gehört, lässt sich der weitere Behandlungsplan erstellen. Jedes Kind braucht einen Namen, auch diese Krankheit will benannt sein. Dazu gehört die Erklärung des Störungsbildes (Psychoedukation) durch eine Fachperson.


Als nächstes gilt es, Verständnis für sich selbst zu schaffen. Zentral in diesem Zusammenhang ist auch die Erarbeitung eines individuellen Verstehensmodells, das biopsychosoziale Merkmale miteinbezieht. Die Herausarbeitung des Sinns des Symptoms stellt ein Meilenstein dar. Warum brauchte es die Bewegungsunruhe von Herrn Anders? Warum erinnerte sich die junge Frau nicht an die Vergewaltigung (zumindest nicht kognitiv - ihr Körper erinnerte sich)? Welchen persönlichen Sinn macht das Symptom?


Es ist wichtig, dass Betroffene einen Zugang zu dem erhalten, was abgespalten ist. Manchmal ist flankierende Physiotherapie sinnvoll, manchmal nicht. Grundsätzlich gilt, dass nicht der Körper zu therapieren ist, wenn es nicht der Körper ist, der erkrankt ist. Da der Körper aber Symptomträger ist, ist stellenweise eine begleitende Physiotherapie doch indiziert. Dies ist Einzelfall spezifisch abzuklären.


Weiter wird auf den Umgang mit Gefühlen und Spannungszuständen fokussiert. Wie geht der Betroffene damit um? Kann die jeweilige Person rechtzeitig die eigenen Bedürfnisse erkennen und diese befriedigen? Oder lebt sie an sich vorbei, überspielt das, was vermeintlich nicht sein darf? Die Selbstwahrnehmung kann thematisiert, Entspannungsstrategien und Achtsamkeitsübungen können eingesetzt werden. Spielen traumatische Ereignisse eine Rolle, kann eine Trauma spezifische Psychotherapie angewandt werden.


Ich bin doch nicht psychosomatisch!


Dissoziative Störungen gehören zum Bereich der Psychosomatik und viele Betroffene haben zunächst Schwierigkeiten, eine Diagnose aus diesem zu akzeptieren. Viele können oder wollen nicht anerkennen, dass es sich um ein psychisches Problem handelt und gar nicht um ein körperliches. Gleichzeitig bedeutet das auch eine Chance - wie Herr Anders berichtet. Es gilt, die Situation anzunehmen, sich der eigenen Psyche zu widmen, herauszufinden, wo der Schuh wirklich drückt und die Druckstelle da zu beheben, wo sie tatsächlich ist. Die Symptome sind nur der Feuermelder - brennen tuts woanders.


Lesetipps


Egle, U. T., Heim, C., Strauss, B. & von Känel, R. (2020). Psychosomatik - neurobiologisch fundiert und evidenzbasiert. Ein Lehr- und Handbuch. Kohlhammer: Stuttgart.


Fiedler, P. (2013). Dissoziative Störungen. Hogrefe: Göttingen.


Krammer, S. (2022/im Druck). Psychosomatische Störungen verstehen. Ein psychologischer Selbsthilfe-Ratgeber für Betroffene. Kohlhammer: Stuttgart.


Autorin


Dr. phil. Sandy Krammer, LL.M.

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